Letzte Woche, Anfang November, war es soweit: der Kongress Mentale Stärken in Heidelberg startete! 3,5 Tage, geschätzte 1.000 Teilnehmer, ca. 60 Workshops und ebenso viele Referenten. Es gab Schnittstellen zwischen Mentaltrainern und Coaches, Sportpsychologen und Reha-Fachleuten sowie zwischen Managern und Therapeuten. Ein vielfältiges Angebot, so dass die Auswahl der Workshops schwer fiel, denn ein Sich-entscheiden bedeutet ja immer, auf etwas anderes Interessantes zu verzichten.

Mentale Stärke – warum nur im Sport?

Mentales Stärken, das ist ein vieldeutiger Begriff. Leistungssportler brauchen mentale Stärke, um mit den Anforderungen – nicht nur um Wettkampf – sondern auch drum herum klarzukommen. Das ist bekannt und mittlerweile anerkannt und respektiert.

Bekannt ist auch der Placebo-Effekt – dass Medikamente ohne Inhaltsstoffe wirken können. Übrigens, wenn die Scheinmedikamente viel kosten, überzeugt das sogar noch mehr.

Wirken auch die Gedanken und Einstellungen, die zum Beispiel ein Bewerber kurz vor einem Vorstellungsgespräch hat? Oder ein Musiker vor einem Probespiel? Ist es für eine Führungskraft relevant, mit welcher mentalen Einstellung sie in ein wichtiges Meeting geht? Was meinen Sie, welchen Unterschied macht es aus, mental gut vorbereitet und gestärkt in diesen Situationen zu sein?

Mental-stark-im-Beruf

‚Gut sein, wenn es darauf ankommt‘

Dieser Satz stammt von Horst Eberspächer, einem Urgestein des Mentalen Trainings. Was macht den Unterschied in der gedanklichen Wirkung aus, die ein Musiker vor einem wichtigen Probespiel hat? Sie können daran erinnern, dass bestimmte Passagen echt knifflig sind. „Hoffentlich klappt es dieses Mal!“ und gleich folgt der nächste Gedanke: „Aber da ist so eine klitzekleine Stelle, da hapert es meistens.“ Wie wäre es, wenn die Gedanken und die Zuversicht bei dem Gefühl ist, frei und ohne Blockaden spielen zu können?

Einem Bewerber kann das mulmige Gefühl begleiten, dass das letzte Gespräch nicht so prickelnd war. ‚Wird es wieder so? Woran lag das?‘ In so einer ähnlichen Situation sind Sie vielleicht auch schon gewesen. Mental stark in so ein Gespräch zu gehen, beinhaltet die Voraussetzung, all das Wissen und Können mit einem guten Selbstvertrauen aktivieren zu können.

Genau diese mentale Einstellung, das Zu- oder Vertrauen macht die Wirkung in der jeweiligen Situation aus. Nicht nur im Leistungssport, sondern im ganz normalen beruflichen Alltag. Mentale Stärke ist für eine Führungskraft genauso wichtig wie für die Mitarbeiter in der Produktion oder für Lernende, die sich auf ihre Prüfung konzentrieren wollen.

Kurzum, die Mentale Stärke gehört aus meiner Sicht in den Alltag. Sie können sie dem Zufall überlassen. Oder etwas dafür tun. Wollen Sie ein paar Ideen erhalten, welche Einflussmöglichkeiten Sie auf Ihre Gedanken und Einstellungen haben können? Hier geht es weiter mit einer persönlichen Zusammenfassung der Vorträge und Workshops, an denen ich auf dem Kongress Mentales Stärken 2017 in Heidelberg teilgenommen habe.

„Überleben in turbulenten Zeiten“ von Ben Furman

Es begann gleich sehr humorvoll mit Ben Furman, einem finnischen Experten für die lösungsfokussierte Kurzzeittherapie. Wenn wir Stress erleben, besonders im Zusammenhang mit einem Problem, rutschen wir schnell in einen Problemtunnelblick. Das Denken kreist um das Problem und krallt sich daran fest. Das verengt im wahrsten Sinne des Wortes den Blick für mögliche Lösungen. Statt das Ziel im Blick zu haben, ist nur noch das Problem da, dieses aber umso präsenter! Es ist, so Furman, ein Unterschied in der Dynamik, ob ein Problem gewälzt oder ob ein Ziel angestrebt wird. Bei dem einen tritt man auf der Stelle, beim anderen kommt man in Bewegung. Dazu stellte er 6 Punkte vor, die sich übrigens wieder gut mit der Resilienz verbinden lassen. Eben gerade fällt mir auf, dass es ebenso gut mit einem Lernprozess verknüpfen lässt.

  1. Was macht Menschen stolz? Überlegen Sie mal: Wo ist Ihnen etwas gelungen, worauf Sie stolz sind? Dieses Bewusstsein hilft, unangenehme Gefühle zu verändern und in einer neuen Ausrichtung mit neuem Schwung (und mehr Mut und Zutrauen) in Richtung Ziel unterwegs zu sein.
  2. Welche Herausforderungen haben Sie schon gemeistert? Wir wachsen weniger an den Erfolgen, die uns sozusagen in Schoss fallen, sondern an den Schwierigkeiten, die wir bewältigt haben.
  3. Wie sehen die bisherigen Fortschritte in der aktuellen Situation, die Sie beschäftigt, aus? Oft fällt es schwer, diese selbst zu sehen. Der eigene Anspruch – etwa der Perfektionismus – ist oft viel größer. So sehen Sie gar nicht, was Sie schon erreicht haben. Es kann hilfreich sein, sich dazu mit anderen auszutauschen. Ein humorvoller freundlicher Blick auf sich selbst kann ebenfalls sehr bestärkend oder erleichternd sein.
  4. Wie sieht die kommende Erholung aus? Das kann die Pause in der nächsten Stunde sein, ein kleines Highlight auf dem Weg nach Hause. Oder die Erholung in der nächsten Woche. Worauf können Sie sich freuen, wo können Sie wieder gut auftanken?
  5. Wer oder was hat Ihnen geholfen, schon so weit gekommen zu sein? Reflektieren Sie einmal aus diesem Blickwinkel. Oder auch anders herum: Wem haben Sie schon geholfen, weiterzukommen oder an einer Sache dranzubleiben?
  6. Dankbarkeit – wem können Sie danken? Selbst dann, wenn Sie eine negative Erfahrung gemacht haben. Das ist auf den ersten Blick etwas paradox. Wer hat Ihnen geholfen, diese negative Erlebnis gut zu bewältigen? Welche Ihrer Fähigkeiten haben Sie genutzt, um damit klarzukommen? Was können Sie von dieser Erfahrung selbst an andere weitergeben?

Mein Learning aus diesem Vortrag – das Problem und das Problemdenken kommt fast immer von selbst. Deswegen ist es immer wieder so hilfreich, sich an das Ziel zu erinnern und dieses in den Fokus zu rücken.

Mehr über Ben Furman finden Sie hier: https://www.carl-auer.de/programm/autor/ben-furman/

Fortsetzung folgt, mit Eckhard von Hirschhausen und Hans-Dieter Hermann, Sportpsychologe, Schwerpunkt Fußball.